François Mitterrand


 

 

 

Mein Papa, der Präsident

Neun Jahre nach François Mitterrands Tod legt seine uneheliche Tochter Mazarine Pingeot Zeugnis ab

 

Mazarine Pingeot, 30 Jahre alt und promovierte Philosophin, ist die Tochter von Mitterrand. "Mein Papa" durfte sie ihn nur nennen, wenn sie allein waren

 

Von Manfred Flügge

Es hätte ein stolzes Buch werden sollen, ein Bekenntnis vor aller Welt, die Revanche für eine Kindheit im Schatten, die Einforderung einer eigenen Legitimität und einer Erbschaft. Es hätte eine Morgengabe werden sollen für das eigene Kind, das ohne Lüge und Heimlichkeit leben sollte. Aber es wurde das Buch einer doppelten Tragödie.

Mazarine Pingeot, die uneheliche Tochter des französischen Staatspräsidenten François Mitterrand (1916-1996), wollte ihre Kindheit erzählen, als niemand wissen durfte, wer ihr Vater war. Als sie das Buch begann, war sie schwanger. Aber ihr Kind kam tot zur Welt.

"Bouche cousue" ("Zu niemandem ein Wort") heißt denn auch der "Bericht", den Mazarine Pingeot jetzt vorgelegt hat. Nämlich zu niemandem ein Wort, wer ihr Vater war - die ganze Bürde ihrer Kindheit. Es gibt aber Augenzeugen, die erlebt haben, wie sie im Mai 1981, nach Mitterrands Wahlsieg über Giscard d'Estaing, über den Schulhof sprang und rief: "Mon papa est président!" Und schon lange bevor ein Foto auf der Titelseite von "Paris Match" im Jahr 1994 ihre Existenz öffentlich machte, kursierten in Paris Gerüchte über sie.

Das Buch ist keine Autobiographie, eher ein erzählender Essay. Die Autorin, heute um die 30, ist promovierte Philosophin, und das merkt man der oft abstrakten Sprache auch an. Vieles wird nur andeutend erzählt, vieles bleibt offen. Von ihrer Mutter, Anne Pingeot, Kunsthistorikerin am Musée d'Orsay, erfährt man wenig, von deren Begegnung mit François Mitterrand fast nichts. Die andere Familie kommt in dem Buch nur beiläufig vor. Tapfer hat Danielle Mitterrand, die ihn in der Résistance kennengelernt hatte, bei offiziellen Anlässen an der Seite des Präsidenten ausgeharrt. Ihre beiden Söhne litten unter dem erdrückenden Vorbild des Vaters. François Mitterrand hat seine beiden Familien erst ganz zuletzt und nur sehr kurz einander vorgestellt.

Wir erfahren von der Eintragung Mazarines ins Taufregister ("Vater unbekannt"), von heimlichen Ausflügen, von Besuchen und Diners im Elysée-Palast, von Gesprächen mit dem Vater, der auf die Schönheit seiner Tochter sehr stolz war. Als er 1981 an die Macht kam, eröffneten ihm die Ärzte, daß er Krebs hat. Vielleicht ist die Liebe zu seiner Tochter ein Grund dafür, daß er zwei Amtszeiten durchgehalten hat.

Mit ihrer Mutter lebte Mazarine in einer Wohnung an der Seine, die dem Staat gehörte und den Vorteil besaß, rund um die Uhr bewacht zu werden. Teure Restaurants, luxuriöse Reisen, exzellente Ausbildung, Theaterbesuche in der Präsidentenloge - Mazarine Pingeot mangelt es an nichts. Nicht einmal, wenn man dem Buch Glauben schenken darf, an der Vaterliebe. Sein spärliches Privatleben hat Mitterrand offensichtlich überwiegend mit seiner zweiten Familie verbracht, mit seiner Geliebten, die ungefähr so alt war wie seine Söhne.

Doch nicht nur sein Familienleben bewegt in diesen Tagen die französische Nation. Neun Jahre nach seinem Krebstod beherrschen François Mitterrand und seine Skandale, Erfolge und Irrtümer die Medien nach Lust und Laune. Nie erschien sein Spitzname "Dieu" (Gott) so berechtigt. Dazu trägt auch Robert Guédiguians Film "Der späte Mitterrand" bei, der nach seiner Vorstellung auf der Berlinale jetzt in den französischen Kinos läuft.

 

Berliner Morgenpost, Dienstag, 8. März 2005

http://morgenpost.berlin1.de/ausgabe/2005/03/08/feuilleton/739644.html

 

 

 

Kommentar Väternotruf:

 

Es erscheint nicht unwahrscheinlich, dass es die nichtverheirateten Väter und ihre Kinder in Frankreich wesentlich François Mitterrand zu verdanken haben, dass das gemeinsame Sorgerecht für alle Eltern unabhängig davon ob sie verheiratet sind oder nicht, in Frankreich eine Selbstverständlichkeit ist.

Wollen wir hoffen, dass der nächste deutsche Bundeskanzler nicht kinderlos ist, so wie unser derzeitige Kanzler Schröder, sondern ein Mann der ein nichteheliches Kind hat, das er liebt. Mit den mütterfixierten Traditionalisten aus SPD und bündnisgrüner Partei in einer zukünftigen Regierung werden die Väter in Deutschland wohl noch hundert Jahre warten müssen, bis das Grundgesetz endlich für alle Menschen in Deutschland gilt.

 

 

 


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