Vaterschaft
Bundesverfassungsgericht
Wie viele Elternteile kann ein Kind haben?
26.092023
Das Schicksal eines leiblichen Vaters beschäftigt das
Bundesverfassungsgericht: Die Karlsruher Richter kündigten am Dienstag an klären
zu wollen, welche Folgen mehr als zwei Elternteile für die Entwicklung eines
Kindes haben können. Die Bundesregierung kündigte an, bei ihrer geplanten
Änderung beim Abstammungsrecht auch Vereinbarungen zur rechtlichen Elternschaft
ermöglichen zu wollen, sagte die Staatssekretärin im Bundesjustizministerium,
Angelika Schlunck, in Karlsruhe. Ein Urteil des höchsten deutschen Gerichts wird
erst in einigen Monaten erwartet – und könnte sich damit zeitlich mit dem
Entwurf des Justizministeriums überschneiden.
Der Mann aus Sachsen-Anhalt
hatte Verfassungsbeschwerde eingelegt, weil die Mutter seines leiblichen Kindes
ihren neuen Lebensgefährten als rechtlichen Vater hatte eintragen lassen –
nachdem der biologische Vater einen Antrag auf Feststellung seiner Vaterschaft
gestellt hatte. Das Oberlandesgericht Naumburg hatte der Mutter recht gegeben.
Denn dieses berief sich auf Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs, wonach
das Vaterschaftsanfechtungsrecht des feststehend biologischen Vaters ausnahmslos
ausgeschlossen ist, wenn zwischen dem Kind und dem gesetzlichen Vater im
Zeitpunkt der letzten mündlichen Verhandlung am Familiengericht eine
sozial-familiäre Beziehung besteht. Davon geht man aus, wenn der Mann und die
Mutter verheiratet sind oder der Mann mit dem Kind längere Zeit in häuslicher
Gemeinschaft zusammengelebt hat. Letzteres war in der konkreten Konstellation
der Fall.
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Doch der Kläger sagt, die ersten anderthalb Monate
nach der Geburt habe er noch mit seiner damaligen Lebensgefährtin und dem
gemeinsamen Sohn unter einem Dach gewohnt. Anschließend habe die Mutter nach und
nach den Umgang zu kappen versucht. Mal durfte er sein Kind nur unter Aufsicht
sehen, mal gar nicht, wie der 44-Jährige aus der Nähe von Halle (Saale)
berichtet. Unter anderem zwei Gerichtsverfahren zu seinem Umgangsrecht seien
schon abgeschlossen.
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Inzwischen sieht er sein Kind alle zwei
Wochen für drei Stunden. „Es war ein harter Weg, um dahinzukommen.“ Er kündige
per Mail an, dass er den Jungen wie vereinbart abholt. Er wohne zehn Minuten mit
dem Auto entfernt. Die Antworten seien meist zwei Buchstaben: OK.
...
Doch zum vereinbarten Termin beim Standesamt, um die Vaterschaft anzuerkennen, erschien die Mutter laut dem OLG nicht. Gleiches galt für zwei Vermittlungsversuche des Jugendamtes. Die Frau hat den Angaben nach fünf weitere Kinder von drei verschiedenen Männern.
...
Kommentar Väternotruf:
Der urteilende Senat des Oberlandesgericht Naumburg zeigt mal wieder Mutterideologie pur.
Dem klagende biologischen Vater das Recht auf Elternschaft zu verweigern, das ist identisch mit der verstaubten schwarz-rot-grüne Ideologie des 20. Jahrhundert, die seit 1949 in der BRD hunderttausenden Vätern das Recht auf Elternschaft und Kontakt mit ihren Kindern verwehrte und sie zu "Erzeugern" und "Zahlvätern" degradierte.
Pfui Deibel.
"In Naumburg an der Saale geschah Ungewöhnliches: Ende 2006 erhob der Generalstaatsanwalt Anklage wegen Rechtsbeugung gegen hochrangige Kollegen: gegen drei Richter, die dem 14. Senat des OLG angehören. Das Verfahren schwebt nun bei eben diesem OLG (als Beschwerde gegen einen Nichteröffnungsbeschluss des LG Halle); sollte es mit einem Schuldspruch enden, müssen die Angeklagten „mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu fünf Jahren" rechnen (§339 StGB). Bekanntlich fallen „rechtswidrige Taten, die im Mindestmaß mit Freiheitsstrafe von einem Jahr oder darüber bedroht sind", unter die Kategorie „Verbrechen" (§ 12 StGB). Was in Rede steht ist mithin kein Kavaliersdelikt, sondern muss - auch wenn die Feder stockt - Justizverbrechen genannt werden. Tatsächlich handelt es sich um einen - in der Geschichte der Bundesrepublik - einmaligen Justizskandal. Kaum glaubhaft, aber wahr: Drei OLG-Richter haben in Folge mehrere höchstrichterliche Entscheidungen einfach boykottiert: erst ein Urteil des EGMR in Straßburg, dann mehrere Beschlüsse des BVerfG."
Broschüre neu erschienen: Zeit für Väter
Haben Sie schon `mal die Windeln gewechselt? Darauf antworten heute die meisten Väter mit einem klaren Ja! Jedoch ist für viele von ihnen die Vaterrolle eher ein Feierabendprogramm. Während sie tagsüber arbeiten müssen und nicht bei der Familie sein können, ist die Betreuung der kleinen Kinder überwiegend noch die Aufgabe der Mutter. Aber viele Männer sind Rabenväter wider Willen. Das belegen die Ergebnisse einer Umfrage der hessenstiftung – familie hat zukunft in Kooperation mit der IGS Organisations GmbH. Die nun vorgelegte Broschüre ergänzt die Umfrageergebnisse mit konkreten Handlungsempfehlungen für Väter und für Arbeitgeber.
Die Broschüre „Zeit für Väter“ ist im Buchhandel erhältlich oder als Download unter: http://www.hessenstiftung.de/files/08-08-21_zeit_fr_vter.pdf
Quelle: Newsletter der hessenstiftung – familie hat zukunft vom 20.8.2008
Fakten, Beispiele und Handwerkszeug für die Arbeit mit Vätern online:
www.european-fatherhood.com ist ein webbasiertes, englischsprachiges Handbuch zur Theorie und Praxis der Arbeit mit Vätern auf europäischer Ebene. Die website präsentiert "State-of-the-Art" - Informationen und Beispiele für "Best Practice" mit dem Ziel der Förderung und Entwicklung guter Vaterschaft als Teil von Gleichstellungspolitik. Die von der EU-Komission geförderte website vermittelt Handwerkszeug für die Praxis, etwa für Professionelle im Gesundheitswesen und in der Bildungsarbeit.
www.european-fatherhood.com bietet aber auch Wissen für Entscheider in der Politik, speziell der Familien- und Gleichstellungspolitik. Die Inhalte der website wurde von Praktikern und Wissenschaftlern aus Dänemark, der Tschechischen Republik und Deutschland erarbeitet. Die Leitung des Projektes lag bei Svend Aage Madsen, Ph.D., Leiter der Abteilung für Psychologie, Psychotherapie und Psychologische Forschung des "Rigshospitalet" (Universitätsklinikum) Kopenhagen.
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Mit (väter-)freundlichen Grüßen
Eberhard Schäfer
Dipl.Pol. Eberhard Schäfer
E-Mail: eb.schaefer@gmx.de
Vorstand
Väter-Experten-Netz Deutschland
Leiter des Väterzentrums von Mannege e.V.
Marienburger Sr. 28
10405 Berlin - Prenzlauer Berg
19.02.2007
Die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung des Kindes.
Rainer Balloff.
in: Familie, Partnerschaft, Recht, 11/2005, 210-213.
Bundesverfassungsgericht bestreitet Recht von Männern auf Vaterschaft
In seinem Beschluss vom 31.8.2004 - 1 BvR 2073/03
veröffentlicht in "Zeitschrift für das gesamte Familienrecht", 2004, Heft 21, S. 1705-1706
vertritt das Bundesverfassungsgericht die Meinung, dass ein Mann, der vorträgt der biologische Vater eines nichtehelich geborenen Kindes zu sein, für die ein anderer Mann kurz nach der Geburt die Vaterschaft rechtlich anerkannt hat, kein Recht hätte die Vaterschaft des anderen Mannes anzufechten und anschließend seine Vaterschaft feststellen zu lassen, wenn er nicht "zumindest eine Zeit lang tatsächlich Verantwortung für das Kind getragen hat".
Das Bundesverfassungsgericht verneint daher die Annahme der vom eventuellen tatsächlichen biologischen Vater vorgetragenen Verfassungsbeschwerde. Man ist ja als Mann und Vater inzwischen gewohnt, dass in Karlsruhe die Rechte von Männern und Vätern des öfteren auf dem Altar des Wertkonservatismus geopfert werden. Man sollte mal darüber nachdenken, den Standort Karlsruhe aufzulösen und das Bundesverfassungsgericht im Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg, am besten unmittelbar am Kollwitzplatz, anzusiedeln. Da könnten sich die Richter in der Mittagspause mal über die gesellschaftliche Realität informieren und es würden zukünftig mit Sicherheit andere und zeitgemäßere Beschlüsse getroffen werden.
Es bleibt zu hoffen, dass der den Mann vertretene Rechtsanwalt Rixe aus Bielefeld hiergegen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte klagt. Dies dient auch dem Kind, dass zur Zeit in der eigenartigen Situation aufgezogen wird, dass sich ihm ein anderer Mann als Vater aufgedrängt hat.
Die Bundesregierung scheint sich leider für die Belange von Männern nicht zuständig zu fühlen, sonst könnte man dem mutmaßlichen Vater mal empfehlen, mit der Bundesfamilienministerin Schmidt Kontakt aufzunehmen, damit die männerfeindliche Gesetzgebung in Deutschland endlich mal verändert wird.
www.bundesverfassungsgericht.de
Horst Petri
Väter sind anders
Die Bedeutung der Vaterrolle für den Mann.
ISBN: 3783123747
EAN: 9783783123746
Libri: 2132044
Kreuz Verlag
Februar 2004 - kartoniert - 198 Seiten
Portugal
In Portugal sind "Mutterschaft und Vaterschaft als soziale Werte von überragendem Rang" gleichwertig nebeneinander gesetzt (vgl. Art. 68 Abs. 2 der portugiesischen Verfassung; Quelle: Burmeister 2003)
Schriften zur Geschlechterdemokratie Nr. 5:
VATER WERDEN, VATER SEIN, VATER BLEIBEN
Dokumentation einer Fachtagung der Heinrich-Boell-Stiftung mit dem
"Forum Maenner in Theorie und Praxis der Geschlechterverhaeltnisse"
am 24./25. Mai 2002 in Berlin
Hrsg. von der Heinrich-Boell-Stiftung
Berlin, November 2002. 92 Seiten
Die Broschuere ist bei der Heinrich-Boell-Stiftung erhaeltlich.
Download:
http://boell.xima-web.de/de/04_thema/1719.html
Holger von der Lippe:
Vaterschaft – Wunsch und eigene Entscheidung? Ergebnisse einer Interviewstudie mit 30-jährigen ostdeutschen Männern zur Familiengründung (2003). Workshop "Das ´vernachlässigte´ Geschlecht in der Familienforschung: Analysen zum Heirats- und Geburtenverhalten Von Männern in Deutschland". Rostock, Germany, February 2003, [Talk]. 43. Kongreß der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Berlin, Germany, September 2002, [Talk]. Fachtagung der Heinricht-Böll-Stiftung und des "Forum Männer in Theorie und Praxis der Geschlechterverhältnisse". Berlin, Germany, May 2002, [Talk].
"Feministische Studien" zum Thema Männlichkeiten
Ein lobens- und lesenswerter Beitrag von Frauen in einer ansonsten auch von Frauen geschaffenen recht väter- und männerfeindlicher Bleiwüste. In Heft 2/2000 der "Feministischen Studien" finden sich fünf Beiträge zum Thema Männlichkeiten, ausserdem drei Literaturberichte, z.B. "Vernachlässigte Väter? Vaterschaft in der Sozial und Familienpolitik Schwedens und der Bundesrepublik Deutschland seit der Nachkriegszeit", von Wiebke Kolbe und "Vaterkrise, Vatersuche, Vatersehnsucht. Zur aktuellen Debatte um die Väter." von Meike Sophia Baader.
Homepage: www.rz.uni-frankfurt.de/~wischerm
e-mail: stuby@mbox.anglistik.uni-hannover.de
"Väter und Erziehungsurlaub"
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen, Männer und Jugend", Kohlhammer 1999, Schriftenreihe Bd.179
"Das tägliche Gebet
Ein Überblick über die neuere historische Forschung zu Männlichkeit und Vaterschaft" (Teil I)
Till van Rahden
in "Frankfurter Rundschau", 7.8.01, s. 20
"Macht und Zärtlichkeit
Ein Überblick über die neuere historische Forschung zu Männlichkeit und Vaterschaft" (Teil II)
in "Frankfurter Rundschau", 14.8.01, S. 20
"Der gegenwärtige Vater, der am Rand der Familie steht. Über allein erziehende Frauen, veränderte Mütterlichkeit und die Sehnsucht der Kinder nach Väterlichkeit."
Gerhard Amendt in: "Frankfurter Rundschau" 20.12.99,
ganzseitig
Ein hervorragender Artikel über "vier Arten von Alleinerziehen" und
die Rolle der Väter.
Typ 1: Alleinerziehen infolge Tod des Partners
Typ 2: als Folge von Scheidung
Typ 3: als einen Lebensentwurf, der den Mann als Vater ausschlägt
Typ 4: als breit strömende psychische Reaktion auf enttäuschend
verlaufene Beziehungen zu Männern, die sich von der Kindheit bis ins
erwachsene Leben
erstrecken
Ein gekürztes Kapitel aus dem Buch von Amendt "Vatersehnsucht. Annäherung
in elf Essays", 50 DM, ISBN 3887224523
Zu beziehen auch mit Scheck über: Uni Bremen, Institut für Geschlechter und Generationenforschung, PF 330440, 28334 Bremen
"Väter sind anders als ihr Image: schwierige Rollenfindung und mangelnde gesellschaftliche Achtung."
Horst Petri in:
"Theorie und Praxis der Sozialpädagogik", 3/2000, S.52-55
E-mail Redaktion: tps.redaktion@t-online.de
"Erziehung heute: Vater sein"
Umfang 72 Seiten, 12 DM, Friedrich-Ebert Verlag, 2000
In diesem Magazin werden die unterschiedlichen Facette des Vaterseins angesprochen, hier lesen Sie, was Väter fühlen und vorhaben, was sie treibt und bewegt, was ihnen gelingt und misslingt und worauf sie und ihre Partnerinnen hoffen. Geschrieben von Männern und Frauen, die von eigenen Erfahrungen berichten, die Diskussionen anstimmen.
Vaterschaft heute. Klischees und soziale Wirklichkeit
Michael Matzner (1998)
Frankfurt (Campus). DM 38,80
"Die Debatten in Wissenschaft und Öffentlichkeit um die Kompetenzen und die Verantwortlichkeiten von Vätern sind häufig von Vorurteilen geprägt. Unter Auswertung einer Vielzahl empirischer Daten setzt sich der Autor mit der Lebenslage von verheirateten, geschiedenen und alleinerziehenden Vätern auseinander. Gängige Behauptungen und Thesen über die elterliche Arbeitsteilung, die Situation und das Verhalten von Vätern werden auf ihre Richtigkeit hin überprüft" (Klappentext)
Vaterschaft (Vom Patriarchat zur Alimentation).
Lenzen, Dieter: Reinbek 1991 [Die Kulturgeschichte der Vaterschaft im Rückblick]
Vaterschaft im Wandel
Stephan Barth, 1997
1. Einleitung
Dass entscheidende Weichenstellungen für das gesamte spätere Leben bereits in der Kindheit erfolgen, wusste man früher aus unmittelbarer Erfahrung, mittlerweile konnte es auch wissenschaftlich nachgewiesen werden. Die prägenden Personen in diesem Lebensabschnitt sind die Eltern. Während das wissenschaftliche Interesse sich lange Zeit lediglich auf die Bedeutung der Mutter konzentrierte, blieb der Vater weitgehend unberücksichtigt. Erst in letzter Zeit setzte sich ein Bewusstsein für die pädagogisch-psychologische Bedeutung des Vaters durch, das sich in einer steigenden Zahl entsprechender Studien ausdrückt.
Einher geht dies mit einem gewandelten Verständnis von Vaterschaft auf der Basis allgemeinen sozialen Wandels.
Im Rahmen meiner Arbeit möchte ich zunächst die Geschichte der Vaterschaft in groben Zügen referieren. Ein Ergebnis wird sein, dass die Vaterschaft historisch immer stärker an Bedeutung eingebüßt hat. Interessant scheint mir daher, anhand einiger theoretischer Ansätze zur Vaterschaft und anhand konkreter Ergebnisse der Vaterforschung zu überprüfen, ob dieser historische Bedeutungsverlust hier eine Entsprechung findet. Im Anschluss werde ich heutige Vaterbilder beschreiben und insbesondere auf die Folgen "neuer" Vaterschaft eingehen, da dieses Vaterbild von seinen Verfechtern als Ausweg aus der Vaterkrise bezeichnet wird.
Abschließend sollen die Ergebnisse komprimiert und diskutiert werden.
2. Geschichte der Vaterschaft
Die Geschichte der Beziehung zwischen Eltern und Kindern zeigt, dass die Eltern-Kind-Beziehung, wie wir sie heute für "natürlich" und erstrebenswert halten, in früheren Zeiten ganz anders und unterschiedlich gestaltet war. Spillmann gelangt zu der Einschätzung, das Verhältnis zwischen Eltern und Kinder sei offensichtlich durch keine Natur vorgegeben, sondern in einem erstaunlich weiten Maße offen, d.h. jeweils durch materielle Bedingungen und kulturelle Prägungen bestimmt und damit beständig historischem Wandel unterworfen.
Lenzen beschreibt Vaterschaft im alten Ägypten als suszipitiv und als patronistisch. Mit ersterem verbunden ist, dass die väterliche Versorgung der Kinder in Tauschgeschäften bestand, nämlich dem Austausch von Dienstleistungen gegen Versorgungsleistungen der Kinder. Diese Versorgungsleistungen bestanden wesentlich im Beschützen und Ernähren der Kinder.
Der Begriff der patronistischen Vaterschaft scheint Lenzen angebracht, weil die Vater-Kind-Beziehung die selben Inhalte umfasst wie die Vater-Untergebenen-Beziehung.
Obwohl es im alten Ägypten auch Schulen gab, war doch die Erziehung durch den Vater dominant, allerdings nur die des Sohnes. Der Vater vermittelte dem Sohn die kulturelle Tradition und lehrte ihn, was ein guter Vater sei, damit er diese Aufgabe später übernehmen könne.
Auch die frühe hebräische Kultur war patriarchalisch geprägt. Der Vater stand der Familie als Oberhaupt vor. Er kontrollierte die zu treffenden Entscheidungen einschließlich der Auswahl der Ehepartner für seine Kinder. Die Vater-Kind-Beziehung war durch Strenge und Härte charakterisiert.
Das israelitische Vaterbild ist als Synonym des Gottvaterbildes beschrieben worden. Der Vater ist für das Beschützen und Ernähren, aber auch für das Züchtigen verantwortlich, das als integraler Bestandteil der Erziehung, im Grunde als seine Verkörperung selbst angesehen wurde.
Im antiken Griechenland existierte kein einheitliches Vaterbild. Lenzen unterscheidet drei Epochen, nämlich die epische Zeit, Sparta und die attische Polis. In der epischen Phase, vor allem aber während der spartanischen Herrschaft wird der leibliche Vater im erzieherisch-sozialisatorischen Sektor zurückgedrängt. Pädagogische Aufgaben übernehmen päderastische Liebhaber im Rahmen einer Gemeinschaftserziehung, die vor allem militärisch ausgerichtet ist. Dennoch ist der Begriff der Väterlichkeit anzutreffen: Der Knabe wird als Produkt zweier Väter gedacht, nämlich eines leiblichen, der seinen Körper zeugt und eines "sozialen", der in der päderastischen Simulation der Zeugung seinen Charakter formt, denn die Tüchtigkeit steckt im Samen des Liebhabers. Für Lenzen ist hier ein Ursprung des Erziehers, der später kein zweiter, sondern der alleinige "öffentliche" Vater werden solle. Während der Hochphase der attischen Polis wird der Vater dann nämlich gänzlich auf seine genetische und legitimatorische Funktion begrenzt (letzteres, als zur Polis-Bürgerschaft lediglich das Kind zählen konnte, das väter- wie mütterlicherseits von Polis-Bürgern abstammte).
Das antike Rom wird im allgemeinen als Inbegriff des Patriarchats beschrieben: Das Vater-Kind-Verhältnis wurde in erster Linie als Sachbesitz und nicht durch Liebe und Fürsorge interpretiert. Väter hatten ein weitgehendes Desinteresse an der Kinderaufzucht. Verweigerte der Vater die Annahme des Kindes, hatte dies fast ausnahmslos dessen Tod zur Folge. Er hatte als Inhaber der absoluten väterlichen Gewalt ("patrias potestas") das Recht auf körperliche Züchtigung und konnte bis in das fortgeschrittene Alter seiner Kinder über deren Leben und Tod entscheiden. Die Söhne durften keinen eigenen Haushalt gründen, bis der Vater starb. Lenzen vertritt demgegenüber die Auffassung, der Herrschaftsaspekt sei bei der heutigen Betrachtung des antiken römischen Vaters entschieden übergewichtet. Er begründet dies damit, dass lange Zeit lediglich juristische Quellentexte herangezogen worden seien. Ein neuerer Ansatz habe nun auch literarische Texte analysiert, wodurch sich ein relativiertes Bild ergeben habe: Väter haben danach im antiken Rom durchaus auch fürsorgerische Aufgaben wahrgenommen, außerdem sei es von einer kritischen Öffentlichkeit überwachter Usus gewesen, die Machtfülle unter dem Gesichtspunkt der Barmherzigkeit und nicht der Grausamkeit auszuüben.
Im frühen Christentum entwickelt sich dann eine Tendenz zur Vergeistlichung der Vater-Kind-Beziehung. Es setzt überdies ein Prozess der Entdifferenzierung zwischen Vater- und Mutterschaft ein, da die in dieser Epoche erklärte Utopie der Vaterschaft, nämlich die emphatische Väterlichkeit, feminine Züge trägt.
Im Mittelalter verliert die Vaterschaft an Bedeutung. Lenzen führt dies u.a. auf Veränderungen in der christlichen Kirche zurück. Um das Jahr 1000 n.Chr. wurde das Verbot der Priesterehe erlassen. Priester werden damit aus dem Lebensalltag der Menschen, innerhalb dessen die Familie und natürlich die Vaterschaft eine besondere Rolle spielt, entlassen. Priester können keine Väter mehr werden. Es kommt zu einer Höherbewertung der geistlich motivierten Askese und damit implizit zu einer Abwertung der Vaterschaft als männlicher Existenzweise.
Im 12. und 13. Jahrhundert kam es insbesondere von philosophischer Seite zu einer Neubewertung, zu einer Höherbewertung des Weiblichen. Erstmalig werden Gedanken der Partnerschaftlichkeit formuliert.
Im 14. Jahrhundert kommt es zu einer Krise des Papsttums, in deren Verlauf väterliche Konzepte an Bedeutung einbüßen und die Marienverehrung und damit die Verehrung der Mütterlichkeit einen ersten Höhepunkt erreicht.
Hinzu kommt, dass bereits nach der Lehre von Thomas von Aquin der Vater in geistlicher Hinsicht durch Gott ersetzt ist und in Fragen der Ausbildung durch Lehrer ersetzbar ist. Eine Seelenverbindung zwischen Vater und Sohn wird geleugnet und damit auch die Notwendigkeit eines geistlich-pädagogischen Verhältnisses zwischen Vater und Kind. Der Vater wird letztlich bereits im Mittelalter auf seine Funktion als Ernährer und Beschützer reduziert.
Während der Renaissance und zu Beginn der Neuzeit begann ein tiefgreifender Wandel in den Familienbeziehungen, der zu dem privaten Familiengefühl führte, das auch noch für die Gegenwart kennzeichnend ist. Lenzen führt diesen Wandlungsprozess u.a. auf die Erfahrung der großen Epidemien hin, die zu einem veränderten Wert der Kinder für die Familien geführt haben. Damit wurde auch die Grundlage für eine engere Beziehung zwischen Eltern und Kinder gelegt. Konkrete Auswirkungen hatte dies für die Beziehung zwischen Mutter und Kind, bedeutend weniger für die zwischen Vater und Kind. Bedingt durch die einsetzende Landflucht verdingten sich viele Männer weit ab ihrer Heimat und Familien als Arbeiter und Handwerker, was dazu führte, dass viele Kinder weitgehend vaterlos aufwuchsen Auch langandauernde Kriege bedingten Vaterabwesenheit.
Mit der Entdeckung anderer Kulturen, aber auch neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse, beginnt das alte Weltbild zu wanken und mit ihm seine Traditionen.
Mit der Reformation rückte auch theologisch die Elternschaft an die Stelle der Vaterschaft. Der Einfluss der Mutter war nun göttlich gewollt, sie wurde ausdrücklich auch mit der Erziehung und Ausbildung der Kinder betraut. Dies wiederum tradierte durch die so Erzogenen ein verändertes Vaterschaftsbild. Weiterhin von entscheidendem Einfluss ist aber auch Luthers Auffassung, die Ehe sei keine Angelegenheit der Kirche, sondern des Staates. Damit ist auch die Basis dafür gelegt, dass zu einem späteren Zeitpunkt ehemals väterliche Aufgabe an den Staat delegiert werden.
Mit dieser späteren Phase ist die Epoche der Aufklärung gemeint, in deren Zuge mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht das Ausbildungsmonopol des Vaters endgültig gebrochen wurde. Es kam - wie Lenzen es formuliert - zu einer Vervielfältigung des Vaters, nämlich durch den nun boomenden Lehrerstand.
Gerade in der französischen Revolution sieht Lenzen den Ausdruck der Zerstörung des Vaterprinzips: Die Freiheit entbindet von der Bevormundung durch den Vater, die Gleichheit zerstört den Respekt vor der Leistung der Vorfahren und die Brüderlichkeit lässt nurmehr eine Verwandtschaftsbeziehung zu, nämlich diejenige innerhalb derselben Generation.
Seit dem 18.Jahrhundert übernahmen die Mütter viele der ehemals väterlichen Aufgaben, sie wurden Hausvorsteherinnen und zuständig für die Kindererziehung. Dies korrespondierte mit der zunehmenden Trennung von Haus und Arbeitsstelle der Väter. Die Frauen ihrerseits wurden von der Pflicht freigestellt, durch eigene Arbeit zum materiellen Unterhalt der Familie beizutragen. Faktische Wirksamkeit entwickelte dies jedoch zunächst lediglich in der Schicht der Beamten, der Akademiker, der bürgerlichen Intelligenz und des Adels. Dort begegnet man der intimisierten Privatfamilie, die ihren Kindern große Aufmerksamkeit widmet und ihnen bestmögliche Bildungschancen eröffnet.
Demgegenüber spielt das Familienleben bei den kleinen Bauern, Handwerkern und dem späteren Industrieproletariat keine tragende Rolle. Mütter und Väter müssen durch Arbeit den Lebensunterhalt verdienen, wodurch Kinder eher als Last empfunden und sich selbst überlassen werden. So früh wie möglich werden die Kinder selber in den Arbeitsprozess integriert.
In beiden Modellen war der Vater der Alimentationspflichtige. Die Männer der unteren Schichten erlebten allerdings die Notwendigkeit der Berufstätigkeit ihrer Frauen als demütigend. Es wurde zum erstrebenswerten Ziel, die Frauen nicht auf Arbeit schicken zu müssen, eine Vorstellung, die noch bis in die Gegenwart vorhanden ist und die zur Übernahme der häuslichen und Erziehungsaufgaben durch die Mütter beitrug. In dem Maße, indem Väter ihre Funktionen an den Staat abzugeben hatten, übernahm dieser quasi das väterliche Erbe, allerdings in Form totalitärer Erziehung. Gleichzeitig erfanden Pädagogen das Konzept der Mutterliebe. In besonderer Weise ist hier Pestalozzi zu nennen,
Interessant lässt sich der Wandel in den Beziehungen des Kindes zur Mutter einerseits und zum Vater andererseits anhand der Entwicklungen in bezug auf die Ausgestaltung des Sorgerechts nachvollziehen. Noch bis in das 19. Jahrhundert wurden Kinder als väterliches Eigentum betrachtet, was zur Folge hatte, dass im Falle der elterlichen Scheidung das Sorgerecht beim Vater verblieb. Erst im 19. Jahrhundert begann man in England nun auch juristisch vom Konzept der absoluten väterlichen Erziehungsgewalt abzuweichen, interessanterweise dadurch, dass nun auch geschiedenen Frauen ein Recht auf Eigentum - unter anderem im Hinblick auf Kinder - zugestanden wurde. Erst die Prozesse der Industrialisierung und Urbanisierung führten jedoch zu einer deutlichen Rollenteilung zwischen Vätern und Müttern. Aus heutiger Sicht waren es in erster Linie ökonomische Gründe, die zur Postulierung eines "mütterlichen Instinkts" und zu einer Glorifizierung der Mutterschaft führten, wodurch der Beitrag des Vaters zur Kindererziehung als marginal charakterisiert wurde. Einher ging dies mit der Entwicklung psychologischer Theorien, die eine größere Bedeutung der Mutter für die Entwicklung des Kindes behaupteten, was zur Verbreitung der festen Überzeugung führte, Kinder gehörten im Falle der Scheidung regelmäßig zur Mutter.
Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde erstmals die Frage des Kindeswohls bei der Entscheidung über das Sorgerecht aufgeworfen und damit den Interessen und Bedürfnissen der Kinder Rechnung getragen.
In diesem Zusammenhang spricht Lenzen unter Hinweis auf Ellen Key auch vom Jahrhundert des Kindes, von der Vergöttlichung des Kindes und der Mutterschaft.
Ausdruck geänderter Vaterkonzeption ist auch die bündische Jugendbewegung, die den Grundstein für das Führerprinzip legte, wobei die Führer im Grunde die Vaterfunktionen wahrnahmen. Ihre extreme Ausprägung fand dies Führervaterschaft im Nationalsozialismus, wodurch wiederum der Gedanke der Vaterschaft unautorisiert in Misskredit geriet.
In der Gegenwart beschränkt sich die väterliche Funktion vielfach in der Tat lediglich noch auf die Alimentation. Der Staat hat die Funktionen des Ausbildens und des Beschützens geradezu exklusiv an sich gezogen.
Dass sich seit den 80er Jahren eine selbsternannte Gegenbewegung, nämlich die "neuen Männer" in Szene setzt, hat für Lenzen andere Gründe als die Betonung des Werts der Vaterschaft. Zwar werde offensiv davon ausgegangen, das Kind brauche den Vater, doch sei in Wirklichkeit eher gemeint, die Mutter brauche den Hausmann. Die "neuen" Väter werden von ihm eher als Resultat der vernichtenden Väterkritik der Frauenbewegung gesehen.
3. Theoretische Ansätze zur Vaterschaft
Zur Fundierung der Vaterschaft, der Vaterrolle lassen sich eine ganze Reihe von Theorien heranziehen, die allerdings zum Teil sehr unterschiedliche Perspektiven der Vaterforschung repräsentieren. An dieser Stelle sollen einige dieser Theorien ansatzweise vorgestellt werden.
3.1. Psychoanalyse
Der Psychoanalyse wird in zahlreichen neuen Arbeiten zur Vaterrolle vorgeworfen, ein entscheidender Hemmfaktor der Erforschung der Vater-Kind-Beziehung gewesen zu sein. Das psychoanalytische Interesse am Vater reduzierte sich in der Tat in erster Linie auf die Betrachtung der phallischen Entwicklungsstufe in der psychosexuellen Entwicklung. Die Bedeutung des Vaters blieb für die Zeit vor dem vierten Lebensjahr des Kindes unbehandelt.
Wenn Lenzen von der Liquidation des Vaters im 20. Jahrhundert spricht, so hat die Psychoanalyse dafür den theoretischen Rahmen geliefert, indem sie die These von der Exklusivität der Mutter-Kind-Beziehung aufrechterhalten hat. Aus psychoanalytischer Sicht war die Mutter für das Kleinkind die primäre oder sogar die ausschließliche Bezugsperson. Demgegenüber wurde die Vater-Kind-Beziehung deutlich nachgeordnet, deren Untersuchung im frühesten Kindesalter zunächst gänzlich unterblieb.
Freud behandelte in seinen Arbeiten im wesentlichen drei Aspekte der Vater-Kind-Beziehung:
- Gefühle der Liebe und Bewunderung für den Vater in der vorödipalen Phase (insbesondere beim Jungen) seien wesentliche Voraussetzungen für das spätere Gelingen einer positiven Identifikation mit ihm.
- eines der stärksten Bedürfnisse des Kindes, nämlich Schutz bei jemandem zu suchen, brachte er in Zusammenhang mit der Beziehung zum Vater und
- das Kleinkind erlebt den Vater als Autorität, von der Bestrafung ausgehen kann.
Die hierin zum Ausdruck kommende Qualität der Vater-Kind-Beziehung erreicht ihr volles Gewicht für den Jungen in der phallisch-ödipalen Entwicklungsstufe und äußert sich in Ängsten und Phantasien, in denen er den Vater als bedrohend, bestrafend und kastrierend erlebt.
Für das Mädchen wird der "ödipale" Vater zum Hauptliebesobjekt, auf das seine Sexualwünsche während des "positiven" Ödipus-Konfliktes gerichtet sind.
Mitte der vierziger Jahre befasste sich Anna Freud mit der internalisierten Repräsentation des Vaters. Bei ihrer Untersuchung der Gefühle, Phantasien und Wünsche des Kleinkindes in bezug auf den Vater kam sie zum Ergebnis, die Vater-Kind-Beziehung bilde erst ab dem zweiten Lebensjahr einen integralen Bestandteil des kindlichen emotionalen Lebens.
Nach Loewald (1956) besteht die Hauptaufgabe des Vaters darin, dem Ich des Kindes zu dessen größerer Organisation, Differentiation und Integration zu verhelfen, um es unabhängig von der Mutter zu machen. Melanie Klein (1955) unterstrich, dass bereits Kleinkinder im Säuglingsalter Kontakt zu ihrem Vater haben und Bindung an ihn zeigen.
In den sechziger Jahren begann eine zunehmende Zahl von Psychoanalytikern auf die Bedeutung des Vaters in der frühkindlichen Persönlichkeitsentwicklung hinzuweisen und die Bedeutung der frühen Vater-Sohn-Beziehung hervorzuheben. Seit dieser Zeit widmet die Psychoanalyse ihr Augenmerk auch verstärkt dem Prozess des Vaterwerdens.
In den siebziger Jahren differenziert sich dieser Blick noch. Nun wird die Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für den Prozess der Identifikation und Individuation des Kindes gesehen, zudem gewinnt der systemtheoretische Ansatz an Bedeutung, nach dem beide Elternteile und auch die übrigen Familienmitglieder für die Entwicklung des Kindes von Bedeutung sind. Außerdem habe der Vater in der vorödipalen Phase insofern große Bedeutung, als er dem Kind eine Beziehung biete, die weniger ambivalent sei als die der Mutter. Betont wird weiterhin die väterliche Bedeutung bei der Entwicklung der Geschlechtsrollenidentität bei Jungen, es wird aber auch darauf hingewiesen, dass auch die Geschlechtsrollenidentität des Mädchens nicht nur von einer erfolgreichen Identifikation mit der Mutter abhängig sei.
Zusammenfassend lässt sich bei den neueren Ansätzen eine zunehmende Tendenz einer systemtheoretischen Perspektive erkennen mit der Konsequenz einer angemesseneren Beurteilung der Bedeutung aller Familienmitglieder und damit auch des Vaters.
3.2. Lerntheoretische Ansätze
Unter diesem Oberbegriff lässt sich eine Vielzahl durchaus heterogener theoretischer Vorstellungen zusammenfassen, deren Gemeinsamkeit sich noch am ehesten an ihrer Abkehr von biologistisch-evolutionistischen und psychoanalytischen Modellen festmachen lässt.
Die klassischen Lerntheoretiker wie Pawlow, Skinner oder Watson machten keine Aussagen zur Vaterrolle, sie interessierten sich zunächst lediglich für Reize und Reaktionen allgemein. Das bedeutet jedoch nicht, dass nicht auch die klassischen Lerntheorien von Einfluss auf die Interpretation des Vater-Kind-Verhältnisses gewesen sind. Gerade in der Entwicklung diverser verhaltenstherapeutischer und -modifikatorischer Programme für die Familientherapie und -beratung haben sich lerntheoretische Erkenntnisse fruchtbar niedergeschlagen. Vom theoretischen Standpunkt gesehen ist hier der Vater "Auslöser" oder auch "Verstärker" bestimmten Verhaltens des Kindes. Gemäß der lerntheoretischen Überzeugung, das menschliche Verhalten sei weitgehend durch Variation der Umweltbedingungen veränder- und steuerbar, wurde der Vater als eine "Umweltvariable" des Kindes begriffen, die durch ihre je spezifische Qualität die Verhaltensweise des Kindes mitbestimmt und durch eine entsprechend zielgerichtete Einflussnahme (z.B. Erziehung) auch zielgerichtet verändern kann.
Wesentliche Impulse für die Vaterforschung brachte die Theorie des sozialen Lernens (Bandura/Walters 1963). Die weitgehende Ablösung von Trieb- und Stimulus-Response-Modellen zugunsten des Imitationslernens am sozialen Modell intensivierte vor allem auch Forschungen zum Geschlechtsrollenerwerb, was zwangsläufig zu einer stärkeren Beachtung des Vaters bzw. der Vaterrolle führte.
Ein Grundgedanke der sozialen Lerntheorie ist, dass Verhalten nicht der unmittelbaren Verstärkung bedarf, damit es von einem Kind übernommen wird. Es genügt bis zu einem gewissen Grad, dass das Kind beobachtet, ob ein Modell für das entsprechende Verhalten positive oder negative Konsequenzen erfährt, damit es selbst dieses Verhalten in sein Repertoire aufnimmt oder entfernt. In dem Maße, in dem das Vaterverhalten positive Aufmerksamkeit und Gratifikation in der Familie erfährt, wird der Vater zum attraktiven Modell für die Kinder und bewirkt bei ihnen eine Übernahme seines Verhaltens. Sofern es nicht von herkömmlichen Mustern abweicht, hat dies auch eine Tradierung der Geschlechtsrollen zur Folge.
Kennzeichnend für Lerntheorien ist ihr Verständnis vom Menschen, das ihn weitgehend als passives Individuum darstellt, dessen Verhalten ausschließlich aus Reaktionen auf jeweils bestimmten Bedingungen (Reize, Modelle etc.) besteht. Die kognitive Wende der Lerntheorie in den siebziger Jahren trug diesem Umstand insoweit Rechnung, als sie ein erweitertes Verständnis von Sozialisation erlaubt. Es werden nun nicht mehr nur die wechselseitige Sozialisation, etwa von Vater und Kind, sondern auch die im klassischen Modell nicht vorstellbare Selbstsozialisation. Damit wurde der Weg frei für ein umfassenderes Verständnis des Sozialisationsvorgangs, wie es heute vor allem in systemtheoretischen und ökologischen Theorien seinen Niederschlag findet.
3.3. Systemtheoretische Ansätze
Die allgemeine Systemtheorie hat die theoretische Entwicklung auf sozialwissenschaftlichem Gebiet in vielfältiger Weise beeinflusst und befruchtet. Dies gilt auch für die Vater-Kind-Beziehung.
Auf einer sehr allgemeinen Ebene wird ein System als eine Menge miteinander in Zusammenhang stehender Elemente betrachtet, in denen jedes Element andere Elemente beeinflussen kann und auch von diesen beeinflussbar ist. Die Elemente sind also gleichzeitig Objekte und Subjekte der Beeinflussung.
Eine Grundannahme der Systemtheorie ist, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Das bedeutet, dass selbst bei vollständiger Kenntnis der Eigenschaften jedes Elements die Eigenschaften des Systems nicht ohne weiteres vorhergesagt werden können.
Betrachtet man z.B. das System "Familie", so sind dessen Elemente nicht lediglich die einzelnen Familienangehörigen. Das System beinhaltet vielmehr eine ganze Reihe von Subsystemen als Elemente, die ebenfalls Elemente der Beeinflussung darstellen. Dazu zählen z.B. das Subsystem der Eltern, der Ehepartner, das Mutter-Kind-Subsystem, das Vater-Kind-Subsystem, Das Subsystem der Geschwister usw. Aus dem Verhalten der einzelnen Familienmitglieder kann aufgrund der vielfältigen wechselseitigen Beeinflussungsprozesse nicht auf das Verhalten der Familie insgesamt geschlossen werden.
Unterschieden wird von Systemtheoretikern zwischen Interaktionen und Beziehungen in einem System. Aus beobachtbaren Interaktionen kann demnach nur bedingt auf Vorhandensein und Qualität einer Beziehung zwischen den Mitgliedern geschlossen werden. Aus einer unterschiedlichen Interaktion zwischen Mutter und Kind bzw. Vater und Kind ergibt sich deshalb nicht zwangsläufig eine Unterschiedlichkeit der jeweiligen Beziehung. Umgekehrt können ähnliche Interaktionsmuster durchaus das Ergebnis unterschiedlicher Beziehungen sein.
Es bestehen häufig konsistente Unterschiede in der Menge der Zeit, die Mütter und Väter mit ihren Kindern verbringen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass damit notwendig ein geringerer Einfluss der Väter auf ihre Kinder verbunden ist. Die Bedeutung, die Väter für die Entwicklung ihrer Kinder haben, lässt sich wahrscheinlich fruchtbringender über die spezifische Qualität ihres Beitrags im sozialen Netzwerk des Kindes bestimmen als über die Häufigkeit und Dauer ihrer Interaktionen mit dem Kind.
Kennzeichen eines entwickelten Systems ist seine funktionelle Differenzierung im Vergleich zu einer bloß segmentären Differenzierung. Dies bedeutet, dass unterschiedliche Funktionen, die die Familienmitglieder jeweils innehaben, in bezug auf das Familiensystem als Ganzes zu sehen sind. Solche Unterschiede bestehen beispielsweise hinsichtlich der Art des Spiels und der kognitiven Anregung, die die Eltern den Kindern geben, des Beitrags zur Geschlechtsrollenentwicklung, der Beteiligung an der körperlichen Fürsorge für die Kinder oder in der je spezifischen Form der Arbeitsteilung zwischen Vater und Mutter. Damit wird dem Kind ein differenzierter Erfahrungshintergrund gegeben, von dem anzunehmen ist, dass er von großer Bedeutung ist für die Art und Weise, wie ein Kind lernt, sich angemessen in der sozialen Welt zu verhalten.
Im Licht der Systemtheorie greifen die übrigen Ansätze zur Klärung der Bedeutung des Vaters insoweit zu kurz, als sie ihn isoliert und nicht als Element eines differenzierten funktionalen Systems betrachtet haben. Systemtheoretiker werfen der traditionellen Vater-Forschung vor, insoweit Artefakte geschaffen zu haben, als sie auf einer unangemessenen Theoriegrundlage und Untersuchungsmethodik basiere.
3.4. Ökologische Ansätze
Bronfenbrenner (1981) hat ein Konzept erstellt, das in vielerlei Hinsicht als paradigmatisch für die ökopsychologische Familienforschung gelten kann. Ich werde deshalb hauptsächlich darauf Bezug nehmen.
Bronfenbrenners Modell besteht aus vier Modellen, die sich jeweils konzentrisch umfassen. Im Mittelpunkt steht das Mikrosystem, das durch ein Muster von Tätigkeiten und Aktivitäten, Rollen und zwischenmenschlichen Beziehungen gekennzeichnet ist, die die in Entwicklung begriffene Person in einem gegebenen Lebensbereich mit den ihm eigentümlichen physischen und materiellen Merkmalen erlebt.
Das Mikrosystem ist umgeben vom Mesosystem, das die Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen wichtigeren Lebensbereichen (Settings) bezeichnet, an denen die sich entwickelnde Person aktiv beteiligt ist. Ein Setting ist dabei definiert als ein Ort mit besonderen physikalischen Eigenschaften, in dem sich die Teilnehmer in spezifischer Weise in spezifischen Rollen und in spezifischen Zeitabschnitten betätigen.
Beide Systeme sind wiederum umgeben vom Exosystem. Darunter werden ein oder mehrere Lebensbereiche verstanden, an denen die sich entwickelnde Person nicht selbst beteiligt ist, in denen aber Ereignisse stattfinden, die beeinflussen, was in einem Lebensbereich geschieht, oder die davon beeinflusst werden.
Alle drei Systeme sind eingebettet zu sehen in das Makrosystem, das Normen, Wertvorstellungen und Einstellungen bzw. ihnen zugrundeliegende Weltanschauungen und Ideologien beinhaltet.
Der wohl deutlichste Gewinn einer ökopsychologisch orientierten Vorgehensweise in der Vaterforschung besteht darin, dass sich der Beitrag des Vaters an der familialen Sozialisation kontextuell angemessen thematisieren lässt und weiterhin die Abhängigkeit dieser Sozialisationsleistung von verschiedenen Rahmenbedingungen genauso wie ihre Rückwirkungen auf die Umwelt explizit und systematisch zum Gegenstand der Forschung werden.
Der entscheidende Gedanke ist dabei, dass nicht einfach zusätzliche Variablen in den Untersuchungszusammenhang mit aufgenommen werden, sondern dass Wechselwirkungen zwischen Systemen und Teilsystemen in den Mittelpunkt des Interesses rücken. So werden z.B. neben den dyadischen Beziehungen in der Familie auch triadische oder allgemein multiple Beziehungen betrachtet. Der systemtheoretische Bezug liegt hier auf der Hand. Schmidt-Denter baut z.B. seine ökopsychologische Analyse der sozialen Umwelt des Kindes, die eine Untersuchung der Vater-Kind-Beziehung mit einschließt, auf dem Modell des sozialen Netzwerks auf.
Gegenüber dem systemtheoretischen Ansatz lässt sich jedoch eine Aufmerksamkeitsverschiebung hinsichtlich solcher Faktoren feststellen, die primär umweltbedingt sind und das Gelingen von Vaterschaft beeinflussen können. Als Beispiele lassen sich nennen: Gängige Entscheidungsmuster bei der Sorgerechtsregelung nach einer Scheidung, die Berufssituation von Vätern, die Auswirkungen der Arbeitsmarktlage, die wohnlichen Rahmenbedingungen der Familie, die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen oder auch die in einer Gesellschaft vorherrschenden und an die nachfolgende Generation vermittelten Bilder von Vaterschaft.
4. Die Bedeutung des Vaters in der Familie
4.1. Einleitung
Gerade aus feministischer Sicht wird argumentiert, der Vater sei im Grunde genommen innerhalb der Familie und insbesondere für die Entwicklung des Kindes ohne Bedeutung. Er habe lediglich historisch gesehen Bedeutung gehabt im Hinblick auf Funktionen bzw. Rollen wie Ernährer, Beschützer und Erzieher. Diese Funktionen seien aber determiniert gewesen durch die Ungleichbehandlung der Frauen. Im Zuge der Emanzipation seien diese Aufgaben obsolet geworden, der Vater also lediglich noch als Erzeuger eines Kindes von Relevanz für die kindliche Entwicklung und das familiale System.
Zu Beginn möchte ich einige dieser feministischen Thesen vorstellen und anschließend auf Ergebnisse der Vaterforschung zur Frage der Bedeutung des Vaters in der Familie und für ausgewählte Bereiche kindlicher Entwicklung eingehen.
4.2. Feministische Thesen zur aktuellen Bedeutung des Vaters
- Der Vater als Ernährer
Die Rolle des Vaters als Ernährer der Kinder ist zunehmend umstritten. Zwar ist es nach wie vor so, dass in den meisten Familien der Vater der Hauptverdiener ist, er ist aber nicht einmal in der Mehrzahl der Familien der Alleinverdiener, sondern in der Bundesrepublik in noch lediglich einem Drittel der Familien.
Das Rollenbild des Vaters als Ernährer ist aber weiterhin wirksam. In dieser Rolle gab der Vater in der Vergangenheit der Familie die notwendige Sicherheit zur Schaffung einer Atmosphäre, in der Kinder gut aufwachsen können. Von Männern wird daher nach wie vor erwartet, erst dann zu heiraten und eine Familie zu gründen, wenn diese auch versorgt werden kann.
Die Bedeutung der Ernährerfunktion hat aus mehreren Gründen deutlich nachgelassen. Zum einen liegt dies an der bereits angesprochenen zunehmenden Müttererwerbstätigkeit, die zum einen Ausdruck des weiblichen Wunsches nach gleichberechtigter Stellung im beruflichen Leben ist, wird aber andererseits auch durch staatliche Versorgungs- und Betreuungsangebote und durch die finanzielle Schlechterstellung von Familien nahegelegt, in denen lediglich ein Elternteil über eigene Einkünfte verfügt.
Von Canitz weist auf Befragungen von Kindern im Hinblick auf die Ernährerfunktion der Väter hin. Diese Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass Kinder den Vater als Ernährer für austauschbar halten, und zwar in erster Linie durch die Mutter und durch staatliche Sicherungssysteme. Die große Zahl alleinerziehender Mütter ist letztlich der überzeugende Beweis, dass es des Vaters als Ernährer nicht zwingend bedarf.
- Der Vater als Beschützer
Auch die Bedeutung des Vaters als Beschützer hat in gravierendem Maße abgenommen. Wir leben einfach nicht mehr in einer Zeit, in der der Vater seine Familie mit körperlicher Kraft und Geschicklichkeit verteidigen muss. Die Vorstellung vom Beschützer hat sich jedoch bis in die Gegenwart erhalten.
Verständlich ist dies beim Kleinkind, das den Vater wegen seiner überragenden Größe und Kraft als "allmächtig" erlebt. Je älter das Kind allerdings wird, desto mehr erlebt es, dass dies keineswegs so ist.
Die Beschützerrolle reduziert sich heute auf den Einfluss der sozialen Plazierung. Speziell die berufliche Stellung des Vaters hat großen Einfluss auf die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder. Trotz der Intentionen der Bildungsreform blieb es bei sozialer Ungleichheit, bei einer Abhängigkeit des beruflichen Status' von dem des Vaters, wenngleich auf einem allgemein höheren Niveau.
Vor diesem Hintergrund bietet sich Vätern die Möglichkeit, die Beschützerrolle für sich neu zu definieren, sie mit anderen Inhalten zu füllen. Väter müssen begreifen, durch eigene Persönlichkeitsentwicklung, durch Aneignung von Wissen und durch Erweiterung des Informationshorizontes Potentiale erschließbar zu machen, die die soziale Plazierung der Kinder fördern und ihnen helfen, in der Leistungsgesellschaft ihre Chance zu nutzen.
Auch in dieser Funktion kann der Vater allerdings durchaus von der Mutter abgelöst werden, sie ist also keineswegs sein Privileg.
- Der Vater als Erzieher
Auch in seiner Rolle als Erzieher hat der Vater an Bedeutung eingebüßt, insbesondere im Hinblick auf die Teilfunktion der Vermittlung von Wissen und Berufsfähigkeiten. Diese Aufgaben haben längst Institutionen übernommen.
Bei der Erziehung kommt dem Vater traditionell die Aufgabe zu, dem Kind beim Übergang aus der Intimität der kindlichen Welt des Heimes in die Welt des öffentlichen Lebens der Erwachsenen zu helfen. Früher hielt man nur den Vater für in der Lage, diese Aufgabe zu übernehmen, dies hat sich allerdings grundlegend geändert mit der Mütterberufstätigkeit, der zunehmenden Außenorientierung von Frauen und letztlich auch durch die pädagogischen Institutionen und die Massenmedien.
Männer selber haben in einer Untersuchung von Pross ihre Aufgaben als Erzieher dahingehend definiert, den Kindern Liebe und Geborgenheit zu geben, ihnen Kamerad, Freund und Partner, aber auch Respektperson zu sein. Diese Erziehungsziele sind als eher unklar zu bezeichnen, was Pross auf väterliche Verunsicherung zurückführt.
War es lange Zeit so, dass gerade für die frühkindliche Betreuung und Erziehung ausschließlich die Mutter für bedeutsam erachtet wurde, konnte zwischenzeitlich durch eine Reihe von Studien nachgewiesen werden, dass die Einbeziehung des Vaters bereits in die Geburt und die Versorgung des Säuglings von Einfluss auf die Intensität der Beziehung zum Kind allgemein und auch auf seine erzieherische Funktion ist.
Im wesentlichen sind es aber die Väter selbst, die ihre Erzieherfunktion schmälern, indem sie sie eher als Nebenrolle definieren und in den Verantwortungsbereich der Mütter stellen.
4.3. Ergebnisse der Vaterforschung
4.3.1. Bedeutung des Vaters bei Schwangerschaft und Geburt
Die Ergebnisse der Vaterforschung - dies sei bereits an dieser Stelle angemerkt - widerlegen die feministischen Thesen von der Bedeutungslosigkeit des Vaters für die Familie und die kindliche Entwicklung.
Dargestellt werden soll dies anhand von Studien zum erzieherischen Einfluss des Vaters auf die kognitive Entwicklung, auf die moralische Entwicklung und auf die Entwicklung der Geschlechtsidentität.
Einleitend ist aber zunächst darauf hinzuweisen, dass Väter bereits während der Schwangerschaft wichtige Aufgaben übernehmen. Zu nennen ist hier an erster Stelle die Bereitstellung emotionaler Unterstützung für die schwangere Frau, deren positiver Effekt für das Erleben der Schwangerschaft ebenso nachgewiesen wurde wie die komplikationsreduzierende Wirkung. Emotionale Unterstützung hilft der Mutter bei der Anpassung an die Schwangerschaft und die Mutterrolle und wirkt sich -vermittelt durch die Mutter - auch positiv auf das Kind aus. Es wurden auch Zusammenhänge festgestellt zwischen positiver emotionaler Unterstützung durch den Vater und Stillverhalten der Mutter.
Umgekehrt schilderten Frauen mit depressiven Verstimmungen nach der Geburt ihre Männer als emotional kalt.
Erwähnt werden soll noch, dass die Anpassung an die und die Akzeptanz der Mutterrolle nicht unwesentlich davon abhängt, in welcher Weise werdende Mütter sich von den Vätern sexuell begehrt fühlen
Unterschiedliche Studien fanden heraus, dass das Vater-Werden durch komplexe psychische Prozesse gekennzeichnet ist. Unterschieden werden 3 Typen von Vätern mit unterschiedlicher Bewältigung ihres Vater-Werdens:
a) Väter mit romantischer Haltung, bei denen die Schwangerschaft Schuldgefühle erzeugt, vor allem deshalb, weil sie die größere ökonomische Verantwortung als belastend empfinden.
b) Väter mit Karriere-Orientierung, die die Schwangerschaft als Last empfinden.
c) Väter mit familiärer Orientierung, die die neue Verantwortung schnell akzeptieren und die bei der Aussicht, Vater zu werden, ein Gefühl der "Erfüllung" erleben.
Beeinflusst wird diese Typisierung durch individuelle Erfahrungen des werdenden Vaters in seiner Herkunftsfamilie - insbesondere die Erfahrung des eigenen Vaters -, aber auch schichtspezifische Unterschiede wurden festgestellt: Je höher der soziale Status, desto eher entwickelten werdende Väter eine positive Grundeinstellung zur Schwangerschaft.
Innerhalb des familialen Systems fällt dem Vater oftmals die Aufgabe zu, während einer erneuten Schwangerschaft stärker Verantwortung zu übernehmen für die Betreuung und Versorgung bereits geborener Kinder, aber auch für die Vorbereitung der Kinder auf die neue familiäre Situation.
Als sehr wesentlich wird auch die Unterstützung des Vaters während der Geburt erachtet. Er hat im Laufe der letzten drei Jahrzehnte immer mehr die Aufgabe eines aktiven Geburtshelfers zugewiesen bekommen. Es sind im wesentlichen drei Aufgaben, die der Vater bei der Geburt erfüllt:
a) der Vater hält Kontakt zwischen der Mutter und dem klinischen Personal und dient gewissermaßen als Puffer. Er gibt der werdenden Mutter kontinuierlich Zuwendung und Ermutigung, indem er Angst und Aufregung mit ihr teilt.
b) der Vater hilft der Mutter, sich zu entspannen und erleichtert ihr auf diese Weise die Wehen.
c) der Vater kann durch seinen Beistand das emotionale Geburtserleben der Mutter steigern.
Nur am Rande sei noch erwähnt, dass sich die Anwesenheit des Vaters bei der Geburt positiv auf die spätere Vater-Kind-Beziehung auswirkt, ein Umstand, der aber möglicherweise nicht hinlänglich durch das Erleben der Geburt erklärbar ist, sondern wohl in erster Linie ausdrückt, dass es auch besonders an Familie und Kindern interessierte Väter sind, die bei der Geburt anwesend sind.
4.3.2. Die Vater-Kind-Bindung
Zu klären ist zunächst der Begriff der Bindung. Mit dem Bindungskonzept ist impliziert, dass bestimmte angeborene Verhaltensweisen des Kindes dazu führen, dass es von einer erwachsenen Person mit Nahrung, Pflege und Stimulation versorgt wird und dass das Kind nach Erreichen einer kognitiven Entwicklungsstufe, in der das Kind diese Person von anderen zu unterscheiden gelernt hat, ein Gefühl der Sicherheit in Gegenwart dieser erwachsenen Person entwickelt.
Insbesondere seit den 80er Jahren geht die Vaterforschung intensiv der Untersuchung der Vater-Kind-Bindung nach. Die Grundfrage lautet: Stellt der Vater für das Kind eine der Mutter äquivalente Bindungsperson dar?
Die Eltern-Kind-Bindung lässt sich theoretisch unterschiedlich fundieren. An dieser Stelle sollen diese Ansätze allerdings lediglich sehr kurz angesprochen werden.
Eine Besonderheit der lerntheoretischen Perspektive besteht darin, dass sie die Verminderung von Unlust beim Kind infolge von Pflege- und Versorgungshandlungen in den Vordergrund ihrer Erklärung von Bindung stellt: Bindungsverhaltensweisen erhalten dadurch eine primäre Verstärkung. Der Erwachsene werde so zum sekundären Verstärker und das Verhalten des Kindes richte sich daher in erster Linie auf ihn als Bindungsperson. Damit wird deutlich, dass für die Lerntheoretiker keine biologische Determiniertheit der Mutter als einzige enge Bindungsperson vorhanden ist, sondern die Frage der persönlichen Bindung im Prinzip unabhängig vom Geschlecht zu beantworten ist.
In der psychoanalytischen Lehre wurde der Vater lange Zeit als hinsichtlich seiner Bedeutung als Bindungsperson zu vernachlässigen betrachtet. Daran hat sich allerdings in den letzten 3 Jahrzehnten einiges grundlegend geändert. Einige Charakteristika dieser veränderten Betrachtung sind:
a) die Bedeutung der Vater-Kind-Beziehung für den Prozess der Identifikation und Individuation des Kindes wird betont,
b) ebenso eine stärkere Hinwendung zu systemischer Betrachtung, nach der beide Elternteile für das Kind von Bedeutung sind,
c) die vorödipale Phase erfährt hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Entwicklung der Beziehung des Kindes zu seinem Vater eine neue Bewertung und
d) insbesondere betont wird die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung der Geschlechtsrollenidentität des Sohnes.
Im Zuge der Vaterforschung stellte sich heraus, dass kurz nach der Geburt bereits differenzierte Interaktionen nicht nur zwischen Mutter und Kind, sondern auch zwischen Vater und Kind stattfinden. Daraus wurde der Schluss gezogen, dass offensichtlich beide Eltern gleichermaßen in der Lage sind, ein Kind von Geburt an mit der notwendigen Sensitivität zu betreuen und zu versorgen, sein Bedürfnis nach Kommunikation zu stillen und seine Entwicklung entsprechend zu fördern.
Beide Eltern entwickeln unter entsprechenden Bedingungen enge emotionale Beziehungen zum Kind, und das Kind entwickelt seinerseits enge emotionale Bindungen zu beiden Elternteilen. Dabei spielt für das Entstehen dieser Bindung nicht das reine zeitliche Ausmaß an gemeinsamer Interaktion die ausschlaggebende Rolle, sondern allein die Qualität der Interaktion. Voraussetzung ist also die Fähigkeit und die Bereitschaft, mit dem Kind sensitiv umzugehen. Es kann dabei deutlich voneinander abgegrenzte Interaktionsbereiche geben, die allesamt zur Entwicklung einer engen Bindung führen können: Pflege- und Versorgungsleistungen ebenso wie z.B. spielerische Aktivitäten. Bezüglich der Wahrnehmung dieser Aufgaben gibt es anhand der vorliegenden Forschungen insoweit einen geschlechtsspezifischen Unterschied, als Mütter eher den pflegerisch-versorgenden Bereich abdecken, während Väter eher als Spielgefährten in Erscheinung treten.
4.3.3. Der Einfluss des Vaters auf die kognitive Entwicklung des Kindes
Eine Reihe unterschiedlicher Studien beschäftigte sich mit dem Einfluss des Vaters auf die kognitive Entwicklung des Kindes. Ergebnis war, dass Väter diesbezüglich durchaus von Bedeutung sind. Generell ist zu sagen, dass das väterliche Engagement positiv mit den kognitiven Leistungen des Kindes korreliert ist. Dies konnte auch durch Daten über vaterlos aufgewachsene Kinder gestützt werden.
Als bedeutendstes Ergebnis dieser Forschungen bleibt festzuhalten, dass Väter zu ihren Söhnen eine engere Bindung aufbauen und deren intellektuelle Entwicklung stärker beeinflussen als die ihrer Töchter.
Die väterlichen Leistungen bestanden insbesondere in emotionaler Zuwendung, aber auch in pflegerischen Aktivitäten, Beschäftigung mit Problemen des Kindes und Hilfe bei der Problemlösung.
Als negativ für die kognitive Entwicklung vor allem der Söhne konnte häufiges strafendes Verhalten oder Feindseligkeit des Vaters ermittelt werden. Demgegenüber korrespondiert geringer väterlicher Druck gegenüber Frau und Kind mit guten intellektuellen Leistungen des Sohnes.
Als Erklärungsversuch, wieso diese Wirkungen nur für Söhne nachzuweisen waren, bringt Fthenakis vor, darin drücke sich möglicherweise eine ambivalente Haltung der Väter gegenüber Mädchen im Leistungsbereich aus.
Bei Kindern beiderlei Geschlecht konnte beobachtet werden, dass ein zu starkes Eingreifen des Vaters in Problemlösungssituationen sich negativ auf die kognitive Entwicklung auswirkt, da es die Selbständigkeit einschränkt. Ein weiterer Befund in diesem Zusammenhang ist, dass die väterliche Verstärkung, nicht aber das väterliche Fordern von intellektuellen Leistungen positiv für den Schulerfolg ist.
4.3.4. Die Rolle des Vaters bei der Internalisierung moralischer Normen
Was den Einfluss des Vaters auf moralisches Verhalten des Kindes anbelangt, ist eine Untersuchung von Hoffman (1981) von besonderem Interesse, der vier Dimensionen väterlichen Verhaltens in Beziehung zu vier Faktoren setzt, die für die Internalisierung moralischer Normen von Bedeutung sind. Diese Dimensionen sind:
a) Die Eltern können durch ihre Worte und Handlungen als Modell dienen.
b) Die Eltern disziplinieren das Kind, indem sie bestimmtes Verhalten verstärken, anderes Verhalten ablehnen und Erklärungen geben.
c) Die Eltern sind die hauptsächlichen Erfüllungsinstanzen der affektiven Bedürfnisse des Kindes.
d) Die Eltern dienen als Bindeglied zwischen Kind und Gesellschaft. Dies geschieht zum einen, indem sie die Anforderungen und Erwartungen der Gesellschaft in die Familie tragen und sie für das Kind erfassbar machen und zum anderen durch ihre Position innerhalb der Gesellschaft. Dadurch erhält das Kind einen bestimmten Status, der wichtig wird, wenn das Kind beginnt, in Kontakt mit der Welt außerhalb der Familie zu treten.
Die angesprochen Faktoren sind:
1) Entstehen von Angst wegen Abweichung: Während der primären Sozialisation, in der das Kind für abweichendes Verhalten bestraft wurde, werden schmerzliche Angstzustände mit abweichendem Verhalten assoziiert. Die Angst vor Abweichung wird in der Folge vermieden, indem nicht-erwünschtes Verhalten unterdrückt wird.
2) Identifikation: Nach Freud identifiziert sich das Kind mit den Eltern, um erotische Impulse zu unterdrücken, Bestrafungen zu vermeiden und weiterhin Zuwendung von den Eltern zu erfahren. Es übernimmt infolgedessen die Regeln und Verbote, die die Eltern aufstellen.
3) Entwicklung von Empathie und Schuldgefühl: Die kognitive Fähigkeit des Kindes, andere in ihrer Eigenart wahrzunehmen und das eigene Verhalten in seiner Wirkung auf andere zu erfassen, ist Voraussetzung für die Entwicklung von Empathie. Daraus entsteht die Motivation, sich um das Wohlergehen anderer zu kümmern. Diese Motivation ist allerdings